Kaffee im Labor ist keine Zahnbehandlung
Eine Studie von Antonio und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2012 untersuchte künstliche Biofilme aus Speichelproben von drei Personen. Die im Labor gewachsenen Beläge wurden unter anderem mit einem Extrakt aus hell geröstetem Coffea canephora in Kontakt gebracht. Nach der Behandlung wurden weniger vermehrungsfähige Mikroorganismen gezählt. Die Teilnehmenden hatten dafür keinen Kaffee als Zahnschutz getrunken. (Antonio et al.: Methoden und Ergebnisse)
Die Untersuchung prüfte auch gesüßte Extrakte; zwischen den beiden Kaffeevarianten zeigte sich kein statistisch gesicherter Unterschied. Das macht Zucker im Alltag nicht zahnschonend: Kontaktbedingungen und Messziel waren künstlich festgelegt. Die Forschenden ordnen ihre Ergebnisse selbst als vorläufige Laborbefunde ein und fordern weitere Untersuchungen. Eine Trinkmenge oder ein Spülrezept lässt sich daraus nicht ableiten. (Antonio et al.: Diskussion und Grenzen)
Ein weiterer Versuch maß Kalzium, nicht geheilte Zähne
Eine Arbeit von Meckelburg und Mitforschenden aus dem Jahr 2014 behandelte Zahnschmelzfragmente mit darauf gezüchtetem Biofilm. Gemessen wurden unter anderem Kalzium im Nährmedium und die Härte des Schmelzes. Ein Kalziumanstieg wurde von den Autoren vor allem mit zerfallenden Bakterienzellen erklärt. Er belegt keine Reparatur eines Zahns durch Kaffeetrinken. Auch dieser Versuch untersuchte keinen langfristigen Kariesschutz bei Menschen. (Meckelburg et al.: Abstract)
Warum weniger Bakterien nicht automatisch weniger Karies bedeuten
Karies entsteht im Zusammenspiel von Zahnbelag, vergärbarem Zucker und wiederkehrenden Säureangriffen. Bakterien verarbeiten Zucker und bilden Säuren, die Zahnsubstanz schädigen. Für den einzelnen Zahn sind deshalb auch Reinigung und Ernährung wichtig. Ein isolierter antibakterieller Messwert beschreibt diesen gesamten Krankheitsprozess nicht. (IQWiG: Ursachen und Vorbeugung)
Ein klinisch aussagekräftiger Vorbeugungsversuch verfolgt dagegen, ob mit der Zeit weniger neue kariöse Zahnflächen entstehen. Die Cochrane-Auswertung zu Fluoridzahnpasta schloss randomisierte Studien mit mindestens einem Jahr Nachbeobachtung ein. Das ist ein anderer Endpunkt als die Zahl von Bakterienkolonien nach einer Laborbehandlung. Die beschriebenen Kaffeeversuche können eine solche Prüfung nicht ersetzen. (Walsh et al., Cochrane: Studienauswahl und Endpunkte)
Beim süßen Kaffee zählt die Zuckerbelastung
Zucker oder Sirup im Kaffee sind zusätzliche Zuckerquellen. Die deutsche Fachgesellschaft empfiehlt zur Kariesprävention, zuckerhaltige Getränke und süße Snacks zu reduzieren; nach dem abendlichen Zähneputzen sollen sie vermieden werden. Ein Laborbefund zum Kaffee hebt diese Empfehlung nicht auf. Dauerndes Nippen an gesüßtem Kaffee ist daher keine Zahnpflege. (DGZ/DGZMK: Ernährung und Kariesprävention)
Was als Vorbeugung besser untersucht ist
Für fluoridhaltige Zahnpasta liegen Untersuchungen mit tatsächlichen Kariesendpunkten vor. Die Cochrane-Auswertung fand einen vorbeugenden Nutzen gegenüber Zahnpasta ohne Fluorid, auch für bleibende Zähne Erwachsener. Nicht jeder Vergleich verschiedener Konzentrationen war gleich gut abgesichert. Daraus folgt keine Empfehlung, eigenständig zur höchstmöglichen Stärke zu greifen; für kleine Kinder muss zudem das Fluoroserisiko berücksichtigt werden. (Walsh et al.: Nutzen und Unsicherheiten)
Die DGZ/DGZMK fasst die S3-Leitlinie von 2025 als Zusammenspiel mehrerer Maßnahmen zusammen: zweimal täglich gründlich mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen, Zucker reduzieren und die Prophylaxe an das persönliche Risiko anpassen. Dazu können professionelle Fluoridanwendungen oder weitere Maßnahmen kommen. Welche davon nötig sind, wird in der Zahnarztpraxis entschieden. Kaffee wird durch die hier besprochenen Experimente nicht zu einem Ersatz für dieses Vorgehen. (DGZ/DGZMK: sieben Präventionsmaßnahmen)
Bei bestehender Karies ist das Stadium entscheidend
Frühe Veränderungen der Zahnoberfläche können anders behandelt werden als ein bereits entstandenes Loch. Je nach Befund kommen gezielte Fluoridanwendungen, eine Füllung oder andere zahnärztliche Maßnahmen infrage. Die Entscheidung erfordert eine Untersuchung. Schmerzen bei Süßem oder Kaltem und auffällige Stellen werden deshalb zahnärztlich abgeklärt, statt mit einem Getränk behandelt zu werden. (IQWiG: Diagnose und Behandlung)
Fazit
Die untersuchten Kaffeeextrakte liefern Hinweise auf antibakterielle Effekte im Labor. Einen Nachweis, dass schwarzer Kaffee im Alltag Karies verhindert oder behandelt, liefern diese Versuche nicht. Für die Zahngesundheit bleiben fluoridhaltige Zahnpasta, eine geringere Zuckerbelastung und passende zahnärztliche Vorsorge die belastbarere Grundlage. (Meckelburg et al., 2014; DGZ/DGZMK, 2025)
Quellen
- Antonio AG et al.: Effect of Coffea canephora Aqueous Extract On Microbial Counts in Ex Vivo Oral Biofilms: A Case Study. Planta Medica 78, 755–760. Online veröffentlicht: 24. April 2012. Abgerufen: 31. Oktober 2026.
- Meckelburg N et al.: Antibacterial effect of coffee: calcium concentration in a culture containing teeth/biofilm exposed to Coffea Canephora aqueous extract. Letters in Applied Microbiology 59, 342–347. Online: 7. Juni 2014; Heft: September 2014. Abstract abgerufen: 31. Oktober 2026.
- Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG): Karies. Aktualisiert: 23. August 2023. Abgerufen: 31. Oktober 2026.
- Walsh T et al., Cochrane: Fluoride toothpastes of different concentrations for preventing dental caries. CD007868. Veröffentlicht: 4. März 2019; Recherche bis 15. August 2018. Öffentliche Zusammenfassung und Abstract abgerufen: 31. Oktober 2026.
- Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ) und Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK): Neue S3-Leitlinie zur Kariesprävention an bleibenden Zähnen. Veröffentlichung der Fachgesellschaften: 14. Juli 2025. Abgerufen: 31. Oktober 2026.
- National Health Service (NHS): Dental abscess. Zuletzt geprüft: 18. März 2026. Abgerufen: 31. Oktober 2026.
Redaktion GutVital. Die medizinischen Aussagen wurden mit den angegebenen Quellen abgeglichen. Eine individuelle Untersuchung oder ärztliche Prüfung dieses Artikels hat nicht stattgefunden. Die Darstellung richtet sich vor allem an Erwachsene und ist keine Anleitung zur Selbstbehandlung.